Die Psychologie des Wartens

oder Die Melancholie der Vorbesteller: Sigma 50-120mm f2,8

Wir erinnern uns: Vor 50 Jahren wartete man tagelang auf den Tag im Haus der Technik, an dem das Labor endlich soweit war und die Entwicklung des Selbstgeschossenen in Form von grauen Bildchen 6×9 im Abholregal hatte. Der gelernte DDR-Bürger fand immer eine Lösung, kaufte sich Entwicklerdosen, E-604, Axomat, Schalen und Fotopapier. Und erledigte die Arbeit selbst. Heute warten wir wieder. Nicht auf die Entwicklung, sondern auf den Postboten, der das ersehnte Stück Glas und Metall bringt.

Das brandaktuelle Sigma 50-120mm f/2.8 ist für drei Mounts vorgesehen, Fuji, Sony und Canon. Es ist ein kompaktes Telezoom, das mit seinen 390 Gramm die optimale Ergänzung für den fotografischen Alltag wäre, in etwa vergleichbar mit einem 70-200/2,8 fürs Vollformat. Fuji selbst bietet ein 50-140mm an, das im Vergleich hierzu eine Tonne wiegt. Also ran ans Internet und das Teil (vor)bestellt. Offizieller Verkaufsstart war laut Hersteller der 22. Oktober 2026. Eigentlich.

Wer wie der Knipser bereits am 12. Oktober, also nur vier Tage nach der allerersten Ankündigung, den Bestellknopf bei einem der Großisten gedrückt hatte, wähnte sich auf der sicheren Seite. Der frühe Vogel fängt das Glas, oder so ähnlich. Doch dann die Ernüchterung im digitalen Postfach: „Die gewünschte Ware ist leider noch nicht eingetroffen. Wir haben den Lieferanten bereits angemahnt…“ Das ist feinstes Händler-Latein für: Sigma hat Container-Engpässe, und die Erstauslieferung tröpfelt bestenfalls in homöopathischen Dosen in den deutschen Großhandel.

Die Jagd nach dem Phantom

Also ran ans Pult. Man füttert die Preissuchmaschinen, wälzt die Seiten von Foto Erhardt, -Koch, -Meyer über Calumet bis Leistenschneider, nur um festzustellen: Niemand hat es. Überall dasselbe. „Ware ist bestellt“. Optimistische Lieferdaten, die beim Draufklicken zu Lieferzeiten bis ins Frühjahr 2027 mutieren. Das Nadelöhr ist real. Die Produktionsbänder in Japan scheinen heißzulaufen.

Der Preis ist moderat. Die 799 € stehen erst einmal wie festgemauert. Anders als beim Viltrox 9mm, bei dem sich der Preis inzwischen fast verdoppelt hat. Ein Wechsel des Händlers ist freilich in so einer Situation der sicherste Weg, um sich ganz hinten in der nächsten Warteschlange anzustellen. Wer früh gebucht hat, bleibt also sitzen und übt sich in hanseatischer Geduld.

Ein Objektiv ist eben auch nur eine Apparatur. Es nützt das schönste optische Design nichts, wenn es im Container festsitzt. Die Branche redet heute ohnehin viel zu ausgiebig über technische Parameter, Lieferzeiten und MTF-Kurven, während die Kameras im Schrank verstauben.
Das neue Lieferfenster für die ersten echten Chargen im deutschen Handel steht jetzt auf dem 5. November. Wir werden sehen, ob Sigma liefert. Bis dahin bleibt Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Das schlechteste Foto ist schließlich immer noch das, welches man gar nicht erst gemacht hat. Auch wenn man dafür manchmal ein bisschen länger auf das ersehnte Werkzeug warten muss.

Produktfotos: ©Sigma