Abenteuer Leica

Wenn man sich eine Weile mit traditioneller Filmfotografie auseinandersetzt, taucht immer wieder ein Name auf, schwebt wie ein Mythos über der Thematik: Leica. Ein Blick in die große Bucht bewirkt Verdrängung. Die Preise selbst für ältere Modelle sind mindestens dreistellig, für bestimmte Serien viel höher.
Da der Sammelleidenschaft genug gefrönt wurde und etliche interessante Modelle ihren Platz in der Vitrine fanden, scheint ein Verzicht keine Defizite zu erzeugen, wäre da nicht das wiederholte Auftauchen der Marke, die alles verändert haben soll, in Artikeln, Beiträgen, Blogs, Online-Portalen aller Art und in der Literatur. Es gibt Leica-Kopien von Canon, Nikon, Zorki, FED und anderen. Selbst Kameras, die nur entfernt an die Vorgabe aus Wetzlar erinnern, werden in der Bucht als solche angeboten, schon, damit der Kaufinteressierte über solche Offerten stolpert.
Im Osten Deutschlands spielten Kameras aus dem Westen keine große Rolle. Einmal gab es eine heimische Kamera-Industrie, die eine Reihe sehr brauchbarer Fotoapparate dem sozialistischen Binnenmarkt zur Verfügung stellte. Diese robusten und langlebigen technischen Konstruktionen führten in den Familien ein Einzeldasein, wurden zuweilen an die nächste Generation übergeben. Die Anschaffung ständig neuer Geräte hielt man für unnötig, wie das parallele Horten unterschiedlicher Modelle. Wer eine Praktica oder gar ein Exakta ergattert hatte, gab sich zufrieden. Nur einige Profis und Enthusiasten dürften mit mehreren Kameras gleichzeitig hantiert haben.
Zum anderen stand den DDR-Bürgern der Sinn nach wichtigeren Dingen des täglichen Bedarfs vom Kaugummi, über die West-Kassette bis hin zur West-Jeans, Produkte, für die es im Osten keinen oder keinen adäquaten Ersatz gab. Wer wollte schon hunderte von Westmark des Onkels aus Schwabach oder der Großcousine aus Wanne-Eickel für eine Contaflex oder eine Bessamatik vergeuden, die nicht einmal kompatibel zu Objektiven und Zubehör aus DDR-Produktion waren und die sicher keine besseren Bilder machten, als die Apparate aus Dresdner Fertigung.

Der Name Leica war den meisten DDR-Bürgern als Name des ersten Lebewesens vertraut, dass von der Sowjetunion 1957 mit einer Rakete in den Orbit geschossen wurde. Allerdings hieß der Hund „Laika“ und hatte nichts mit dem technischen Wunderwerk aus Wetzlar zu tun.
Produkte aus sowjetischer Produktion spielten abgesehen von PKWs im DDR-Alltag kaum eine Rolle. Zwar gab es manchen Fotoapparat der Marke Smena in den Fachgeschäften, aber die Krasnogorsker Zenits und Zorkis blieben dem Sowjetbürger vorbehalten, zumal der Ostdeutsche nicht viel Vertrauen in russische Feinmechanik hatte. Sie galt als grob mit hohen Fertigungstoleranzen.
Unterdessen findet man auf Flohmärkten und im Internet eine Menge jener Fotoapparate, die früher allenfalls ins kapitalistische Ausland zur Devisenbeschaffung exportiert wurden. Spätestens, seit die Konstrukteure von FED (Ukraine), KMZ (bei Moskau) und LOMO (Leningrad) Eigenentwicklungen hervorbrachten, gelang es, das eine oder andere Modell bei Foto-Quelle (Revue Flex) und anderen Billiganbietern als Eigenbrand zu platzieren. Ein ähnliches Schicksal erlitten im Übrigen eine ganze Reihe Prakticas, die dafür nur geringfügig verändert wurden. Auch die DDR war ständig klamm.
Doch zunächst hatten die Sowjets westliche Produkte einfach kopiert.
Erster Hund im Weltall: Laika (Quelle: www.time.com)

Das betraf die Leica II (Fed, Zorki, ebenso wie die Contax II/ III (Kiev 4) und die Hasselblad (Kiev 88).
Mehr aus einer Laune drückte ich bei einer Zorki 1 auf „bieten“, und ein Österreichischer Privatier sendete mir ein Modell 1d, das sich nach einem ersten Test als funktionstüchtig erwies, obwohl der Verkäufer dafür ausdrücklich keine Garantie gegeben hatte. Ich war erstaunt, wie klein die Kamera war, die ich bisher nur von Abbildungen kannte.
Oskar Barnack hatte sich seit 1913 mit der Konstruktion eines Apparates beschäftigt, der Kinofilm belichten konnte. Die Mutmaßungen über seine Intentionen gehen auseinander. Wikipedia gibt zwei Gründe an. Es ging zunächst darum, für das in seiner Empfindlichkeit breit gestreute Filmmaterial eine kostensparende Testmöglichkeit zu entwickeln. Daneben suchte der Hobby-Fotograf eine leicht zu transportierende Kamera, denn der Asthmatiker hatte Schwierigkeiten, die schweren Apparate seiner Zeit auf seinen Wanderungen durch die Natur zu schleppen. Der Rest der Geschichte ist hinreichend dokumentiert. Nach Kriegswirren und Inflation gelangte die Idee endlich zur Marktreife und Ernst Leitz II beschloss 1924 die Serienfertigung der neuen Kleinbildkamera. Der Apparat als solches war eine Sensation. Er passte in der Tat in die Hosentasche, die damals reichlicher bemessen war, als heute jene bei engen Jeans. Das Filmmaterial wurde feinkörniger, Chemikalien und Fotopapier blieben ebenso wenig stehen in ihrer Entwicklung. Waren von großen Filmplatten oder von Negativen im 6x6- bzw. 6x9-Format Kontaktabzüge völlig ausreichend, konnte man nun Vergrößerungen der Negative anfertigen, die alle bisherigen Sehgewohnheiten übertrafen.
Zwei Schwierigkeiten galt es zu überwinden. Da die Leica über einen getrennten Sucher verfügte, sah man nicht genau das, was man fotografierte. Spiegelreflexsysteme waren zwar seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts bekannt, aber es sollten noch über 10 Jahre vergehen, bis 1936 mit der Kine-Exakta die erste Spiegelreflexkamera für 35mm Filmfilm erfunden wurde. Dazu musste sich das Medium in der Fotografie durchgesetzt haben, wozu Oskar Barnack nicht nur die Initialzündung lieferte, sondern Zeit seines Lebens stetig an der Verbesserung seiner Erfindung herum werkelte.
Die Herausforderung eines fehlerlosen Scharfstellens wurde mit Einführung der Leica II ab 1932 glänzend gelöst. Ein an den Objektivtubus gekuppelter Entfernungsmesser sorgte bei genauer Justage dafür, dass der Anwender die Entfernung richtig einstellte. Das Verfahren ist so simpel wie genial. Der in das Gehäuse integrierte Schnittbildentfernungsmesser verfügt über zwei kleine Spiegel, von denen der eine drehbar gelagert ist. Über einen Fühler ist er mit dem Objektivtubus verbunden. Im Sichtkanal des Messuchers entstehen zwei voneinander verschobene, identische Bildausschnitte, die über den Objektivring zur Übereinstimmung gebracht werden müssen.

Oskar Barnack (Quelle: www.brandenburger-koepfe.de)

Das Prinzip, das sich dahinter verbirgt, nennt man Triangulation. Von zwei verschiedenen Punkten, in unserem Fall die Spiegel, wird das zu fotografierende Objekt angepeilt. Da sich die Entfernung vom jeweiligen Spiegel in Abhängigkeit zum eingestellten Winkel unterscheidet, der Abstand der Spiegel zueinander (Basislänge – 4cm) konstant bleibt, muss der bewegliche Spiegel nur den richtigen Winkel einnehmen, um die Teilbilder deckungsgleich werden zu lassen.
Mit einer integrierten Belichtungsmessung, wie wir sie schon in der 50er Jahren, zunächst ungekuppelt, später gekuppelt (Bsp. Contaflex, Bessamatic), ab 1960 mit der Pentax Spotmatik durch das Objektiv bei Arbeitsblende, mit der Topcon RE Super 1963 sogar bei Offenblende, finden, tat sich Leitz sehr schwer. Erst mit Einführung der Leicaflex SL 1968, einer Spiegelreflexkamera, die auf das Profisegment der Knipser abzielte, wurde eine entsprechende Vorrichtung angeboten. Seit langem bewies der Hersteller endlich wieder innovatives Potential, indem er eine erweiterte Selektivmessung in die Kamera integrierte.
Bei den Messucherkameras erhielt erst die Leica M6 1984 eine TTL-Messung. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Siegeszug der japanischen Fotoapparate nicht mehr aufzuhalten. Die westdeutschen Kamerabauer hatten faktisch aufgehört zu existieren. Die einst am Weltmarkt ordentlich mitmischende, ostdeutsche Industrie war weit abgeschlagen und wurde nach dem Untergang der DDR 1990 kurzerhand liquidiert.
Nach einem ersten Test der günstig erworbenen Zorki spürte der Knipser leibhaftig, welcher Reiz von solch einem Wunderwerk der Technik ausging. Das Verlangen, ein Original in den Händen zu halten, wuchs stetig, und es war klar, dass es nur eine Frage der Zeit und des Geldes sein würde, bis es soweit war. Das Sammlerglück kennt Überraschungen zur Genüge, positive wie negative. Der Fokus entwickelte sich hin zu einer Leica III. Zum einen sind die Preise nicht in astronomischen Bereichen, wie bei der M-Serie. Zum anderen ist die Gefahr, einer russischen Fälschung aufzusitzen, nicht gegeben. Darüber hinaus besitzt die Leica III ein Hemmwerk mit langen Belichtungszeiten, was dem Vorgängermodell fehlt.
Ich hielt Ausschau in der großen Bucht nach einem Modell, dass mir zusagen könnte. E-Bay ist heutzutage der Ort, an dem der ambitionierte Sammler so ziemlich alles findet, was sein Herz begehrt. Das Risiko, ein teil-defektes oder überhaupt nicht funktionierendes Gerät zu erwerben, ist gegeben. Man hüte sich daher davor, teurere Produkte ohne Rückgaberecht zu kaufen.
Für deutlich unter 300 Euro gelangte eine Leica III mit einem 50mm Summar in meinen Besitz. Das Objektiv war mit einem kleinen Schmiss auf der Frontlinse versehen und hatte, da es sich um ein Exportmodell handelte, die Entfernungsangaben in Feet angegeben. Die Seriennummern sind im WEB sehr gut dokumentiert und es stellte sich heraus, dass es sich um eine Leica III (F) aus dem Jahre 1938 handeln musste. Die fehlende tausendstel Sekunde und die Entfernungsangabe sorgten offenbar dafür, dass die Sammler sich nicht auf den Apparat stürzten, wie es bei anderen Leicas in der Regel der Fall ist. Dem Knipser konnte es nur recht sein, ging es ihm in erster Linie darum, damit Bilder zu schießen und eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sich vor dem 2. Weltkrieg anfühlte, mit einer Kamera, die damals zur Weltspitze gehörte, zu fotografieren.
Leica III (F) Exportmodell, Bj. 1938, mit Summar 50mm
Ein erster Check, spannen, auslösen, ließ den Unterschied zu den russischen Nachbauten sofort klar werden. Alles war irgendwie feinfühliger, wirkte präziser. Das Verschlussgeräusch war auf den Punkt ohne Rascheln der Verschlussvorhänge oder das Ratschen der Mechanik.Die nächste Sorge galt dem Entfernungsmesser. Eine erste Überprüfung ergab, dass die Spiegelchen zumindest nicht völlig erblindet waren. Jedoch stimmte die Entfernung nicht ganz. Sie ist mit etwas Geschick über eine kleine Öffnung neben dem Fenster des Hauptsuchers zu justieren. Dazu war es notwendig, eine Umrechnungstabelle Fuß in Meter und eine Vergleichskamera zu benutzen. Als Motiv diente mir der heimische Fernseher, dessen Sender-Logo am Bildschirmrand sich bestens dafür eignete, zur Deckung gebracht zu werden.
Nun hieß es, einen Probefilm abzulichten, denn mir blieben gerade mal 14 Tage Zeit, das Teil bei vorhandenen Fehlfunktionen zurück zu geben. Das Hauptproblem bei alten Schlitzverschlüssen ist, dass die Verschlusstücher häufig Löcher haben, die sich als schwarze Flecken auf dem entwickelten Negativ, ergo weiße Flecken auf dem fertigen Bild erweisen. Auch kann es vorkommen, dass durch das Verharzen der Schmiermittel die Verschlusszeiten nicht mehr korrekt sind und es zu Fehlbelichtungen oder Abschattungen kommt. Überdies ist es möglich, dass der Bildschritt nicht stimmt, was sich durch Überlappungen der Negative auf dem Filmmaterial äußert. Bei meiner Leica war all das nicht der Fall. Sie funktionierte ohne Fehler. Der kleine Kratzer auf der Frontlinse war nicht zu bemerken.
Bei der Beschäftigung mit der Materie gelangt man zu der Erkenntnis, dass die Kamera dem Wesen nach eine Systemkamera ist und es daher eine ganze Reihe von Zubehörteilen gibt. Insbesondere Objektive mit anderen Brennweiten sind interessant. Ein 135 Millimeter Hektor und 90 Millimeter Elmar, das aus dem letzten Winkel Polens angereist kam wechselten den Besitzer. Ein passender, sogenannter Viooh-Sucher gesellte sich dem Equipment hinzu. War die Leica in den dreißiger Jahren eine der schnellsten Kameras der Welt, so geht es heute vergleichsweise geruhsam zu. Das Schnittbild ist nicht mehr ganz so deutlich zu sehen und mit einer gewissen Paralaxenverschiebung ist zu kalkulieren. Allein die Bildergebnisse können immer noch überzeugen.
Fortsetzung folgt