Die Praktica Mat war die erste Praktica mit TTL-Messung, vorgestellt 1965 vom Dresdner Kamerahersteller, der unterdessen seit 1964 VEB Pentacon hieß. Sie war voll auf der Höhe der Zeit. Erst ein Jahr zuvor hatte Pentax Japan die Spotmatic zur Marktreife bringen können (1960 vorgestellt). Die erste im Westen käuflich zu erwerbende TTL-Kamera war 1963 die japanische Topcon RE Super, die die US-Navy immerhin der Leica und der Nicon F als Bestandteil ihrer Standardausrüstung vorzog.
Die Praktica Mat fällt optisch etwas aus der Serie heraus. Sie besitzt ein höheres Dachkantenprisma ähnlich der älteren Praktica IV. Wahrscheinlich benötigten die Konstrukteure den Platz, um den Belichtungsmesser unterbringen zu können. Die Zeitenanwahl (1s bis 1/1000s) befindet sich unter der Rückspulkurbel, ein sinnvolles und bei späteren Modellen mit Ausnahme der sehr seltenen PL Elektronic (1968/69 nur 3400 Stk.) meines Wissens leider nicht wieder beobachtetes Feature.
Zur Aktivierung der TTL-Messung gibt es einen Knopf unterhalb des Auslösers, später noch an der Super TL zu sehen und viel praktischer, als der Hebel neben dem Objektiv bei den Apparaten der L-Reihe in den 70er Jahren. Der Rückschwingspiegel wird durch einen Gummistreifen – fungiert gleichzeitig als Lichtdichtung – im Inneren gebremst, bei dem das aufgeschraubte Objektiv eine Abschattung des Bildes verhindert. Simpel aber wirkungsvoll. Als letztes sei die Sperre im drehbaren Auslöseknopf erwähnt. Die gab es bei der gesamten Serie. Warum sie später abgeschafft wurde, ist nicht bekannt.
Der Body liegt für einen Veteranen gut in der Hand, der Verschluss arbeitet butterweich, kein Rucken und Schütteln wie bei MTL-5&Co. Die Praktica Mat vereinigt in sich viel Know How ihrer Zeit. Was fehlt, ist der Selbstauslöser und ein Blitzschuh.
Praktica L-Serie
Praktica Anfänge
1964 wurde bei den Kamerawerken Niedersedlitz, die indessen den Namen Pentacon angenommen hatten, eine neue Modellreihe in Angriff genommen. Die ersten beiden zur Frühjahrsmesse des Jahres vorgestellten Kameras waren die Praktica Nova und die Nova B. Ausgehend von den Erfordernissen der Zeit, mit größeren Stückzahlen weiterhin weltmarktfähig zu bleiben, wurden Rationalisierungsmaßnahmen eingeleitet, die es gestatteten, mehrere Ausführungen mit wenig Aufwand parallel zu produzieren, ein Vorgehen, das die Dresdner ein paar Jahre später bis zum Exzess ausweiteten. Der Rationalisierungsgrad der L-Reihe betrug bis zu 90% (Hummel). Doch zunächst war es an der Zeit, sich auf grundlegende Standards festzulegen. Alle Kameras hatten von nun an ein fest verbautes Pentaprisma (Ausnahme VLC). Der von der Praktica V bekannte Rapidspiegel gehörte ebenso dazu wie der rechts oben befindliche Schnellspannhebel und der vorne rechts schräg angesetzte Auslöser. Der Bildzähler war automatisiert worden und sprang nach Öffnen des Rückdeckels auf Null zurück.
Mit der Nova-Serie war die DDR auch im Westen wieder erfolgreich und konnte erhebliche Stückzahlen am Markt platzieren. Nicht zuletzt der Handelsvertrag mit Hannsheinz Porst, einem linken Unternehmer aus Nürnberg, der Mitglied der FDP und heimlich der SED war, machten die Apparate im anderen Teil Deutschlands populär. Mit der Porst Reflex FX3 baute man gar eine Einsteigerkamera mit dem Namen des kapitalistischen Sozialisten, der im übrigen als Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (IM Fotograf) 1969 wegen Spionage zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Ab 1972 wandelte Porst seinen Laden in einen sozialistischen Betrieb um, führte die "totale Mitbestimmung" ein und zog sich später für einige Jahre ganz aus dem Unternehmen raus. Nach dem Scheitern des Experimentes 1982, das von Banken, Politikern und (!) Gewerkschaften hart bekämpft wurde, führte der Philantrop und Kapitalist die Kette zu neuen Erfolgen, musste jedoch einen Schweizer Investor als Mehrheitseigner ins Boot nehmen. 2002 ging die Firma Porst pleite. Den neuen Anforderungen eines unterdessen zutiefst aggressiven Kapitalismus, der im Osten kein Korrektiv mehr hatte, war die Idee des Utopisten Porst nicht gewachsen.

Die Nova B, zeitgleich mit dem Basismodell vorgestellt, besaß einen ungekuppelten Selen-Belichtungsmesser, den der Anwender bereits von den Prakticas IV und V kannte. Der Rest der Ausstattung ist wie beim Basismodell. Die Kamera fühlt sich indessen zierlicher an, als seine Vorgänger. Trotz einer gewissen Fehlerhaftigkeit ist die Selenzelle gut zu gebrauchen. Leider ist das Material nicht für die Ewigkeit gebaut. Es verbraucht sich über die Jahrzehnte, zumal das Modell, anders als die Pentacon FBM oder der Beli-Aufsatz der Praktina, keine schützende Klappe vor der Fotozelle besitzt. Sowohl an der Nova als auch der Nova B gab es während ihrer Existenz ein paar kleinere Veränderungen, die der Verbesserung des Fertigungsablaufes geschuldet waren. Auffälligstes Merkmal war die Neupositionierung der Blitzbuchsen, die von nun an auf der Frontseite links unten zu finden waren.