Die Geschichte der Praktica ist lang, voller Höhen und Tiefen. Die Vorläufer reichen bis in die Mitte der 30er Jahre zurück. Der Inhaber der Kamera-Werkstätten Guthe&Thorsch Benno Thorsch musste 1938 emigrieren. Die Firma übernahm darauf der Deutschamerikaner Chatles A. Noble, der im April 1934 den Namen Praktiflex schützen ließ. Die erste Kamera dieses Namens war die erste weltweit mit einem Rückschwingspiegel, wohlgemerkt für Kinefilm, denn Kochmanns Reflex-Korelle von 1936 hatte ebenfalls einen Klappspiegel. Viel später, erst nach dem Krieg, sollte die ungarische Duflex ein ähnliches Konstrukt besitzen. Der Rückschwingspiegel wurde in Niedersedlitz nach 1947 zugunsten präziser Belichtungszeiten zunächst auf Eis gelegt. Dennoch, der Grundstein für eine der erfolgreichsten und innovativsten Kameramarken war gelegt.

1949 brachten der VEB Kamera-Werkstätten Niedersedlitz, so nannte sich der Betrieb unterdessen, einen Fotoapparat heraus, der schlicht Praktica hieß. Er war recht einfach gehalten und war, ähnlich wie die Vorgängerin Praktiflex, als Amateurkamera konzipiert. Als Kitobjektiv wurde immerhin ein 3,5er Tessar 50mm ausgeliefert, das seit Jahrzehnten als das "Adlerauge der Photographie" galt. Mit Siegfried Böhm hatten die Dresdner einen Konstrukteur, der genauso genial wie Barnack oder Nüchterlein war und gut erkannte, wonach der Markt, selbst der sozialistische, verlangte. Er sollte wenig später für Projekte wie Praktina und Praktisix verantwortlich zeichnen und wiederum Fotografiegeschichte schreiben.
Das abgebildete Modell ist aus der ersten Serie von 1949, erkennbar an den seitlich angegossenen Trageösen. Das Vorlaufwerk und die Blitzbuchse wurden nachträglich eingebaut. Modernisierungsmaßnahmen für ältere Modelle waren in einer Zeit jenseits des Massenkonsums bei vielen Herstellern gang und gäbe.

Es war einiges an der ersten Praktica verbessert worden. Die Trageösen waren verschraubt und es gab Blitzbuchsen sereinmäßig, erkennbar am Zusatz FX im Namen.
Doch erst die Praktica FX2 von 1955 sollte eine wichtige Verbesserung erhalten. Sie war die erste Kamera der Welt, die eine Automatik-Blende hatte. Bisher wurde insbesondere bei schlechtem Licht mit Offenblende fokussiert und anschließend von Hand abgeblendet. Das verlangsamte den Prozeß erheblich. Ehe der Fotofreund fertig war, hatte sich das Motiv längst weiter bewegt. Bei dem neuen Modell wurde die Blende über ein Stempel-Stößel-System automatisch geschlossen, was bedeutete, dass die Objektivhersteller entsprechend ausgerüstete Linsen zur Verfügung stellen mussten. Werksseitig wurde ein 50mm Tessar geliefert, bei dem die Blende nach dem Knipsen aufgezogen werden musste. Dafür war im Einstellring ein Federmechanismus eingebaut. Spätere Objektive öffneten nach dem Auslösen von allein. Die FX2 mit ihren Ablegern (F.X2, FX.2, FX3 u.a.) mag als Zeichen dafür stehen, dass die Dresdner Kameraindustrie trotz Planwirtschaft in der Lage war, mit z.T bahnbrechenden Innovationen an die Öffentlichkeit zu treten. Das sollte sich bis in die 70er Jahre fortsetzen.

1959 ging eine überarbeitete Praktica in Serie, die endlich über einen fest eingebauten Prismensucher verfügte. Das fokussierte Bild war nicht mehr seitenverkehrt und ließ sich im Gegensatz zu den Modellen mit Lichtschachtsucher deutlich besser scharf stellen. Auch bot der Sucher mehr Platz, um Fokussierhilfen unterzubringen. Die aus mehreren Betrieben zusammengeschlossenen Kamera- u. Kinowerke Dresden brachten sieben Updates, von denen die Praktica IV BM als vorletzte Variante zwischen 1961 und 1964 in den Läden lag. Das 'B' stand für Bildfeldlinse, das 'M' für Messkeil. Die Verenglischung von Fachbegriffen hatte damals noch nicht um sich gegriffen. Ähnlich wie bei der Pentacon FBM hatten die Konstrukteure vor das Dachkantenprisma eine ungekuppelte Selenzelle gesetzt, die dem Fotofreund das Mitschleppen eines extra Belichtungsmessers ersparte. Einen Rückkehrspiegel, der verhinderte, dass es nach Auslösen finster im Sucher war, besaß auch dieser Fotoapparat nicht. Den sollte erst die Praktica V bekommen, von der lediglich knapp 15.000 Stück gebaut wurden.
Beim Einsatz auf der kroatischen Insel Cress mit einem Kodak Plus 200 - Farbfilm überraschte die Kamera mit schön lebendigen und scharfen Bildern, so dass es der Knipser nicht bereute, diesmal auf eine digitale Knipse ganz verzichtet zu haben.

Die Praktica IV FB unterscheidet sich nur unwesentlich von ihrem Vorgänger IV BM. Wie bereits an anderer Stelle bemerkt, bezogen sich die Buchstaben hinter der römischen Ziffer auf bestimmte Ausstattungsmerkmale (siehe auch Pentacon FBM). Das F bedeutet Fresnelllinse und das B steht für Belichtungsmesser. Immerhin besitzt das gezeigte Modell auch einen Schnittbildindikator auf der Mattscheibe. Die von 1963-65 produzierte Kamera bekam einen hübscheren Rahmen um den Belichtungsmesser, der nunmehr aus einem doppelstrebigen Konstrukt aus schwarzem Kunsstoff und verchromtem Messing bestandt. Alle anderen Merkmale sind identisch zum Model IV BM. Leider funktionierte beim Vorgängermodell der Bildzähler nicht. Der selbst gestellte Anspruch, nur voll funktionstüchtige Kameras aufzubewahren, ließ mich nach einem Alternativmodell umschauen, was bei den recht seltenen IVern nicht ganz einfach ist. Nach Richard Hummel wurden von beiden Varianten nur ca. 25.000 bzw. 26.000 Stück hergestellt.
Mit Glück gelangte ein schönes Modell in meinen Besitz, während ich mich von dem Apparat oben drüber mit einiger Trauer in der großen Bucht verabschiedete, nicht ohne auf den vorhandenen Fehler hinzuweisen. Ehrlichkeit muss sein!

Praktica Nova
Zeiss Ikon
Die Praktica V FB unterscheidet sich äußerlich nicht von ihrer Vorgängerin. 1965 hatten die Kamera- u. Kinowerke Dresden endlich den Rückschwingspiegel wieder entdeckt und in das Modell V integriert, das es mit und ohne Selenzelle gab. Die Zeitenreihe war nun symmetrisch. Mehr hatte sich nicht geändert. Der Schnellaufzug befand sich noch immer an der Unterseite des Gehäuses, und auch die Belichtungszeiten waren mittels zweier übereinander gesetzter Rädchen einzustellen, wobei das Hemmwerk extra angewählt wurde. Gut 6000 Stück kamen in die Läden, bevor die Dresdner mit der Nova-Serie den nächsten größeren Innovationsschub vollbrachten.

Die Praktiflex war nach der Exakta die zweite deutsche Spiegelreflex für Kine-Film, die dritte weltweit, zieht man die russische Sport in Betracht. Jene blieb glücklos und spielte international kaum eine Rolle. Nach dem Krieg gab es zunächst Eigentumsturbulenzen. Noble wurde im Zuge des Dresdner Volkentscheids enteignet und sogar verhaftet. Sein Sohn wanderte für etliche Jahre in den Gulag. 
Das vorliegende Exemplar dürfte aus der Zeit um 1946/47 stammen. Es hat immer noch das M40 Gewinde und besitzt den einfachen Klapspiegel, der nach dem Auslösen die Sicht wieder frei gibt. Es ist bis auf ein paar Kleinigkeiten nahezu identisch zu den Vorkriegsmodellen und zeigt, wie simpel eine Spiegereflexkamera, die es immerhin bis in das digitale Zeitalter geschafft hat, aufgebaut sein kann.
Ab 1948 ging man dazu über, das M42-Gewinde zu verbauen und kreierte damit einen der erfolgreichsten Objektivanschlüsse überhaupt. Viele bedeutsame Hersteller fertigten Objektive für dieses Maß an. Internationale Marken verwendeten das Gewinde, bevor sich Bajonettanschlüsse endgültig durchsetzten. Noch heute können die Linsen mit Adaptern an modernen Digitalkameras verwendet werden und erzielen bemerkenswerte Ergebnisse von ausgesuchter Qualität.