Canon F-Serie
Praktica B
Konstrukteur Siegfried Böhm (Mitte) mit Laborleiter Werner Kühnel (links) und der wissenschaftliche Mitarbeiter Gerhard Jehmlich erproben eine Praktina, etwa im Jahr 1953 (Quelle: www.oiger.de, 25.08.2016)
Eine hoffnungsvolles Projekt war die Entwicklung der Praktina. Die letzten Modelle wurden 1960 erzeugt. Danach wurde die Produktion eingestellt. Die Praktina gilt in Fachkreisen und unter Sammlern als eine der besten und interessantesten Spiegelreflexkameras ihrer Zeit.
1952 kündigte das Kamerawerk Niedersedlitz die Kamera an, die professionellen Ansprüchen gerecht werden sollte. Sie war weltweit die erste Systemspiegelreflexkamera für das Kleinbildformat. Neben diversen Objektiven gab es Filmkassetten für Überlänge, Wechselsucher, Motorwinder, Stereoaufsatz und mehr. Konstrukteur war Sigfried Böhm, der später maßgeblich an der Enwicklung der Praktisix beteiligt war, einer Mittelformatkamera in SLR-Kleinbild-Design.
Bemerkenswert ist das spezielle Objektivbajonett, dass dem P-Anschluss der Six-Modelle sehr ähnlich ist. Skuril mutet der extra Sportsucher seitlich vom Prisma an. Ihr auffallend schmales Design jedoch liegt sehr gut in der Hand.
Bis 1960 wurden mehrfach Verbesserungen vorgenommen. Am Ende konnte sich das Konzept leider nicht behaupten, da der M42 Objektivanschluss internationale Erfolge verbuchen konnte und daher die Prakticas interessanter für das Exportgeschäft der DDR wurden. Vorliegendes Exemplar Praktina FX dürfte eines der früheren Modelle um etwa 1953 sein. Es besitzt noch keinen Stößel für die Automatikblende (ab 1954) und wurde mit nur einer Coax-Blitzbuchse und einem 40mm(!) Tessar ausgeliefert.
Nach einer Reparatur des Hemmwerks durch Michael Prügel funktioniert der Apparat wie am ersten Tag. Letztlich fiel die Praktina-Serie leider dem Trachten der DDR-Außenhändler nach Devisen zum Opfer, die durch ihre besonderen Spezifikationen nicht zu erreichen waren.

Die Praktina FX hatte seit ihrem Erscheinen einige wenige Verbesserungen erhalten. So war bereits 1954 ein Stößel zur Verwendung von Objektiven mit Springblende konstruiert worden. Ältere Modelle konnten vom Werk entsprechend umgerüstet werden.
1958 wurde ein Nachfolgemodell, die Praktina IIA, der Öffentlichkeit vorgestellt. Man glaubte demnach an die Zukunft dieser richtungsweisenden Konzeption. Einige Veränderungen waren ein wenig unglücklich geraten. So passten beispielsweise die Objektive der FX nicht an den Verschluss der neuen Kamera. Man hatte den Stempel für die Automatikblende versetzt. Auch neuere Wechselsucher scheinen ein anderes Maß zu haben. So lässt sich zwar das Prisma der Praktina FX auf die IIA montieren, jedoch ist es nicht möglich, den abgebildeten Sucher mit Selenbelichtungsmesser am Vorgänger zu installieren. So kam es, wie es kommen musste. Die Funktionäre entschieden das Ende der Praktina.

Und noch ein Geniestreich sollte Siegfried Böhm gelingen. 1956 erschien eine Mittelformat-SLR im Design einer Kleinbildkamera: Die Praktisix. Etwas Ähnliches hatte es bereits in den 30er Jahren gegeben. Kochmanns Reflex-Korelle wurde nach dem Krieg sogar weiter entwickelt. Die Meisterkorelle blieb eine Episode. Sie war störanfällig und konnte sich nicht durchsetzen.
Das Design mag die Konstrukteure inspiriert haben. Die Praktisix sah ihr doch sehr ähnlich. Freilich lief sie wesentlich zuverlässiger und wurde schrittweise verbessert. Ein Prismensucher kam hinzu,. Mehrere Objektive wurden gerechnet, von denen das 50mm Flektogon zweifellos ein Meisterwerk ist. Aber auch die 180mm Porträt-Linse und selbst das 300mm Tele erzielen herausragende Ergebnisse.
Als Standard-Linsen , die der 50mm Brennweite entsprachen, gab es sowohl ein 80mm Tessar, als auch ein Biometar gleicher Brennweite, beide mit 2,8er Lichtstärke.
Auf der Rückseite der Kamera gab es eine Filmmerkscheibe, die nur bei aufgeklapptem Gehäuse bedient werden konnte. Bei späteren Baureihen entfiel dieses skurile Feature.
Obwohl deutlich robuster als die Meisterkorelle, hatte die Praktisix einen Makel, der bis zur Pentacon Six als Kinderkrankheit erhalten blieb. Der Filmtransport war fragil. Bei unsachgemäßer Bedienung oder gar schnipsen lassen des Hebels kam es oft zu Überlappungen der Negative.

1964 löste die Praktisix II das Vorgängermodell ab. Sie hatte ein paar geringfügige Veränderungen absolviert. Insbesondere um den Filmtransport hatte man sich gekümmert, freilich ohne das Problem zufriedenstellend zu lösen. Die Filmführungsschienen waren überarbeitet worden, um eine bessere Planlage zu gewährleisten. Das Zubehör war deutlich erweitert worden. Neben einem Prismensucher gab es unterdessen Zwischenringe und ein Balgengerät für Makro-Aufnahmen, eine stattliche Anzahl erlesener Optiken und allerlei weiteres Zubehör.
Wer heute eine restaurierte Praktisix II besitzt, kann sich eine Vorstellung machen, mit welchen Problemen Profi-Fotografen zu kämpfen hatte und welch herausragende Bildqualität eine "Six" andererseits erzielen konnte.
Zwei Jahre später kam die IIa, die wohl nur als Übergangsmodell zur Pentacon Six zu betrachten ist.

Sie, die Pentacon Six TL, ist die Königen der Kameras des sächsischen Kamera-Baus, und wie eine wahre Königin verhält sie sich manchmal etwas zickig. Sie möchte gehätschelt u. getätschelt werden, auf dass ihre Schmiermittel nicht verharzen und Bildschritt sowie Verschlusszeiten schön präzise bleiben. 1969 ging sie aus der Vorläuferin, der Praktisix, hervor und wurde gebaut bis zur Liquidierung der Dresdner Kameraindustrie 1990 durch die Treuhandanstalt.
Mit den Jahren wurde allerhand Zubehör bereit gestellt. Die Sowjets, die mit ihrer Kiev 60 einen ähnlichen Apparat herausgebracht hatten, dessen Zubehör kompatibel zur Six war, hatten gar ein 30mm Fishey (Arsat) am Start. Einen riesigen Fortschritt bedeutete das bereits 1968 entwickelte TTL-Prisma mit Innenlichtmessung. Endlich konnte man während des Fotografierprozesses die Lichtverhältnisse prüfen u. Blende u. Verschlusszeiten anpassen. Von jedweder Art gekuppelter Automation war man jedoch weit entfernt u. blieb es bis zum Ende. So ist das Knipsen mit der Six 100% Handarbeit!

Sie sieht auf den ersten Blick nicht aus, wie eine Spiegelreflexkamera. Und doch ist die Pentina eine einäugige SLR. Ihr Äußeres ist so abweichend von dem, was man aus Dresden kennt, wie ihre Konstruktion. Sie ist die einzige Spiegelreflex der DDR mit einem Zentralverschluss, der sonst nur im Westen Deutschlands bei Contaflex, Bessamatik &Co verbaut wurde. Der Prestor-ReflexVerschluss wurde 1961 vorgestellt. Als Grund gibt Hummel die zunehmende Bedeutung von Elektronenblitzen an. Mit einem Apparat mit Zentralverschluss lässt sich bei jeder Belichtungszeit blitzen, wo hingegen die damals übliche Synchronzeit bei Schlitzverschlüssen bei 1/50s lag, was bei hellem Umgebungslicht zu unkontrollierbaren Ergebnissen führen konnte.
Für eine 60er-Jahre-Kamera mutet sie futuristisch an. Das Design enstand aus einer Diplomarbeit an der Hochschule f. Bildende u. Angewandte Kunst Berlin. Die Bedienelemente fügen sich unauffällig ein und auch das Dachkantenprisma wurde im Gehäuse versteckt und ist von außen unsichtbar.

Die Pentina gab es in zwei Generationen zu je drei Ausführungen, von denen die E, die letzte der Reihe, 1964 auf den Markt kam. In Onlinebörsen und auf Flohmärkten tauchen Kameras in silber und gold eloxiertem Aluminium mit schwarzer oder brauner Belederung auf. Nach Hummel handelt es sich hierbei nicht um eine Basis- und Edelvariante, sondern es wurde verbaut, was gerade verfügbar war. Die Pentina erfreute sich nicht so großer Beliebtheit und verschwand nach ein paar Jahren aus den Geschäften. Entsprechend überteuert werden die Kameras heute angeboten, die in der Regel schlecht oder gar nicht funktionieren. Umso schöner, dass es mit der oben gezeigten Kamera gelang, ein funktional gut erhaltenes Stück zu erwischen, während die Pentina E (links) nicht mehr funktionierte und in der Bucht den Haien zum Fraß vorgeworfen wurde.
Die konstruktionsbedingte schmale Auswahl an Wechselobjektiven, bei 135mm war Schluss, der anfällige Verschluss und die Inkompatibilität zu anderen Produkten aus DDR-Produktion dürften die Gründe für ihren Untergang gewesen sein.